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Deutscher Phantastik Preis - Miriam Schäfer & Kurzgeschichten



     Miriam Schäfer - eine Wuppertaler Autorin, Mutter von einem Kind, das fröhliche Lächeln in der Solinger Stadtbibliothek, schreibt seit fünf Jahren an Kurzgeschichten, welche immer wieder verschiedenste Anthologien schmücken, und wurde nun zum zweiten Mal in Folge zur Hauptrunde des Deutschen Phantastik Preises, kurz DPP, in der Kategorie »beste deutschsprachige Kurzgeschichte« nominiert.

Im Folgenden wird sie über das Schreiben und Überarbeiten von Kurzgeschichten interviewt. Ihr nominiertes Werk »Claire« kann man in der Anthologie „Weltentor Mystery 2013“ sowie bis Ende Mai im Web nachlesen.


Wie kam es dazu, dass Sie zum DPP nominiert wurden? Was sind die Voraussetzungen, damit man überhaupt in die Vorrunde kommt?

Der DPP ist ein reiner Publikumspreis. Theoretisch befinden sich alle Originalveröffentlichungen des Vorjahres in der Vorrunde, und jeder, der gewillt ist, seine Stimme für eine dieser Veröffentlichungen abzugeben, darf das tun. 
   In die Hauptrunde kommen dann die fünf Beiträge mit den meisten Stimmen. Ich hätte mir allerdings nie träumen lassen, einmal auf dieser Nominierungsliste aufzutauchen.


Bei Ihrer diesjährig nominierten Geschichte »Claire« schaffen Sie mittels der Sprache eine surreale Atmosphäre, die den Leser nicht abschreckt, sondern regelrecht in den Bann zieht. Man merkt, dass die Geschichte nicht einfach »heruntergeschrieben« wurde - jedes Wort scheint seine Existenzberechtigung zu haben. Wie viel Arbeitszeit steckt wirklich in ihr?

Ich glaube, „Claire“ ist ein wenig repräsentatives Beispiel für die Arbeit an einer Kurzgeschichte. Die Idee zu „Claire“ kam mir ganz unverhofft an einem Winterabend und ich habe sie tatsächlich innerhalb von zwei Tagen „heruntergeschrieben“. 
   Natürlich folgten anschließend noch Korrekturen und Verbesserungen, aber im Vergleich zu anderen Geschichten war die Gesamtarbeitszeit gemessen am Ergebnis doch eher gering. Wenn ich die Arbeitszeit schätzen sollte, würde ich sagen, es waren sechs reine Schreibstunden und etwa 15 weitere Stunden Überarbeitung und Korrektur – die Zeit der beteiligten Lektoren mit eingerechnet. 
   Aber das richtig einzuordnen ist schwer, da die Zeit beim Schreiben seltsamerweise viel schneller vergeht als üblich.


Um eine gewisse Qualität zu schaffen, haben Sie Ihre Geschichte überarbeitet. Wie stark ist ihre Geschichte im Nachhinein gewachsen?

Im Umfang gar nicht, in der Qualität um ein Vielfaches. Kleine Änderungen machen unheimlich viel aus.


Wie lange haben Sie für den Rohtext gebraucht? Gab es Stellen, an denen es überhaupt nicht voranging? 

„Claire“ ist wirklich ein Sonderfall, ich habe nur zwei Tage an ihr geschrieben. Da ich arbeite und mich um meine Familie kümmern muss, bedeutet das, es waren zwei Abende, maximal sechs Stunden. 
   Es ging wirklich schnell. Das ist aber natürlich nicht die Regel, z. B. arbeite ich seit beinahe zwei Jahren an einer Weihnachtsgeschichte, deren Rohfassung erst zur Hälfte fertig ist und die mich in den Wahnsinn treibt.


»Claire« erschien in der Anthologie „Weltentor Mystery 2013“ und wird demnächst zusätzlich im SchreibLust Verlag in „Die Putzfrau des Dr. Apokalypse“ veröffentlicht, sodass die Geschichte durch zwei Lektorate gegangen ist. Was waren Ihre Erfahrungen dabei, wie sehr hat das Ihrer Geschichte geholfen?

Das erste Lektorat des Noel-Verlages hat gar nicht geholfen. Es war ein reines Korrektorat, das einen Tippfehler, den ich übersehen hatte, und vermutlich auch ein paar Kommafehler ausgemerzt hat, die tummeln sich nämlich ganz gern in meinen Texten. 
   Ich habe zum Abgleich mit meiner Version nur die Druckfahne bekommen und musste daher Satz für Satz vergleichen und nach Änderungen suchen, was wirklich mühsam war. 
   Als ich das gedruckte Buch dann in den Händen hielt, habe ich selbst weitere übersehene Fehler entdeckt, was mich im Nachhinein natürlich geärgert hat. Zwar habe ich sie vor der Abgabe selbst auch übersehen, aber dafür gibt es schließlich die Fremdkorrektur, damit so etwas nicht vorkommt.

Das zweite Lektorat vom Team des SchreibLust Verlages war hingegen sehr gut und hat an zwei Stellen, an denen ich selbst mit den Formulierungen gerungen habe und nicht 100%ig zufrieden war, noch das letzte Quäntchen herausgeholt. 
   Hier hat man auch gemerkt, wie intensiv sich die beiden Lektorinnen mit dem Text auseinandergesetzt haben - etwas, was beim ersten „Lektorat“ gänzlich fehlte.


Also meinen Sie, dass man sich nicht auf das Lektorat verlassen sollte, sondern der wichtigste Schritt die eigene Überarbeitung ist?

Nein, ich halte ein gutes Lektorat für unverzichtbar. Normalerweise arbeite ich mit Tanja Mehlhase, einer freien Lektorin, zusammen, die meine Texte nach der Fertigstellung als Erste zu lesen bekommt und sie in enger Zusammenarbeit mit mir lektoriert und korrigiert, bis wir beide mit dem Ergebnis vollkommen zufrieden sind. 
   Im Fall von „Claire“ fehlte allerdings die Zeit für ein gründliches Lektorat. Als die Geschichte entstand, hatten wir fünf Abgabetermine zu bewerkstelligen, Weihnachten stand vor der Tür und sie arbeitete selbst noch an einem eigenen Text, da fiel „Claire“ einfach durch das Raster. 
   Sie hat die Geschichte gelesen, über meine Markierungen geschaut und mir dazu ihre Meinung gesagt, aber im Zuge der Zeitknappheit wurde „Claire“ damals mehr oder weniger durchgewunken. 
   Tanjas Begeisterung für die Geschichte ermutigte mich aber, sie auch ohne Lektorat an den Verlag zu schicken, da der Einsendeschluss kurz bevorstand.

Ansonsten schicke ich, abgesehen von einem Spaßprojekt, das niemand gegenliest, keine Texte irgendwohin, die nicht vorab von ihr lektoriert wurden. Ich bin selbst oft sehr unsicher, weil Schreiben für mich reine Gefühlssache ist, und ich nicht weiß, ob es mir gelingt, das zu transportieren, was ich möchte. 
   Tanja ist mein objektives Auge, das mich einerseits unglaublich motivieren kann und mir die Zuversicht gibt, an mich und meine Geschichten zu glauben, aber mir andererseits auch deutlich sagt, wenn mal etwas vollkommen danebenging. Und dann hilft sie mir, diese Stellen zu verbessern.

Die eigene Überarbeitung ist wichtig. Allein schon, um dem Lektor überhaupt einen richtigen Blick auf die Geschichte zu ermöglichen. 
   Aber ohne meine Lektorin wäre ich nicht nur für Fehler, sondern auch für einige inhaltliche Dinge einfach blind. Ohne Lektor geht nichts.


Was hat Sie überhaupt veranlasst, »Claire« zu schreiben? Was ist die »Geschichte hinter der Geschichte«?

Es hat geschneit. Ich liebe den Winter, ich liebe fallenden Schnee …
   Ich saß an meinem Schreibtisch und habe aus dem Fenster gestarrt und die Flocken rieselten auf mich zu. Ich habe daran gedacht, was wäre, wenn ich nur hier sitzen könnte und nicht nach draußen dürfte, nicht spüren dürfte, wie die Flocken in meinem Gesicht zu schmelzen beginnen. Gleichzeitig lief „She Wolf“ im Radio und da musste ich an den Film „Der Tag des Falken“ denken. 
   Dann habe ich angefangen zu schreiben. Die Geschichte enthält sehr viel, was nicht wortwörtlich darin steht.



Seit wann schreiben Sie Kurzgeschichten gezielt für Ausschreibungen? Wie kamen Sie darauf?

Gezielt für Ausschreibungen habe ich, glaube ich, nur einziges Mal geschrieben, und zwar meine Geschichte „Zwillinge“, die im vergangenen Jahr in „24 kurze Alpträume“ im Begedia Verlag erschienen ist. 
   Für gewöhnlich schreibe ich ohne Vorgaben oder lasse mich höchstens vom Thema einer Ausschreibung inspirieren. Wenn das Ergebnis dann passt, schicke ich es ein. Aber im Grunde weiß ich bei meinen Geschichten selten, was am Ende dabei herauskommen wird, oft passt das Ergebnis dann nicht mehr zum vorgegebenen Thema. Das ist aber auch okay so.

Ursprünglich habe ich begonnen, Kurzgeschichten zu schreiben, weil ich mit meinen überlangen Romantexten einfach nicht zum Ende komme. Das ist auf Dauer etwas frustrierend. 
   Es ist schön, an einer Kurzgeschichte zu sehen, dass man auch etwas zu Ende bringen kann.


Viele Autoren denken sich: Kurzgeschichten sind genau das, was im Wort steckt - kurze Geschichten. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Puha. Oberflächlich gesehen mag das richtig sein, Kurzgeschichten sind faktisch kurze Geschichten. Aber wenn Kurzgeschichten gut sind, dann sind sie, glaube ich, viel mehr als das. Sie sind Denkanstoß und Kritik. Sie sind Traum und Mahnung. Erinnerung, Verlockung ... sie können alles sein. 
   Ich glaube, eine gute Kurzgeschichte kann einem mehr erzählen oder mehr über sich selbst beibringen als z. B. manch ein Roman. Aber natürlich gibt es auch einfach kurze Geschichten.


Arbeiten Sie momentan auch an längeren Projekten?

Ja, sogar vorrangig. Ich habe schon als Teenager damit begonnen Romane zu schreiben. Allerdings neige ich dazu, aus einer Geschichte hundert zu machen oder aus einer Stadt eine ganze Welt. 
   Bisher habe ich es noch nie zum magischen Wort „Ende“ geschafft. Das hoffe ich im nächsten Jahr ändern zu können. Allerdings sagte ich das auch schon im letzten Jahr :D


Was ist für Sie der schwerwiegendste Unterschied zwischen Romanen und Kurzgeschichten, sowohl im Hinblick auf das Lesen als auch Schreiben?

Bei meinem Roman habe ich zumindest während des Schaffensprozesses so viele Seiten Platz, wie ich mir nehmen möchte. Ich kann dem Ganzen komplett freien Lauf lassen und „die Botschaft“ auf 900 Seiten auswälzen. 
   Die Kurzgeschichte erfordert es, dass ich viel schneller auf den Punkt komme. Es ist kein Platz für vielleicht schöne aber unwichtige Ausschmückungen. Im Roman mag ein kleiner inhaltlicher Fehler in den Wirrungen der Geschichte untergehen, in der Kurzgeschichte kann er die gesamte Handlung unglaubwürdig werden lassen. 
    Die Kurzgeschichte verzeiht seltener.

   Beim Lesen ist es in der Regel umgekehrt. Wenn ich einen Unterhaltungsroman lese, dann kann ich das im Bus oder in der U-Bahn tun, auch halb schlafend auf dem Sofa. Es gibt so viele Seiten Information, sodass man, selbst, wenn man nicht jedes Wort konzentriert gelesen hat, die gesamte Geschichte verstehen kann. 
   Kurzgeschichten erfordern in der Regel ungeteilte Aufmerksamkeit, damit man die Feinheiten, die sie bereithalten, nicht übersieht. Vielleicht könnte man Kurzgeschichten komprimierte Romane nennen?


Fällt es Ihnen bezüglich des Schreibstils schwer oder einfach, zwischen »Roman« und der »aktuellen Kurzgeschichte« zu wechseln?

Nein, das fällt mir nicht schwer. Jede Geschichte hat ihre ganz eigene Grundstimmung. 
   Wenn ich schreibe, versuche ich mich in den Protagonisten oder Erzähler hineinzuversetzen, dann kommt der Rest eigentlich von selbst.


Das heißt, sie planen Ihre Kurzgeschichten nicht?

Alles, was ich schreibe, entwickelt sich aus sich selbst heraus. Pläne lohnen sich bei mir selten. 
   Meist habe ich eine oberflächliche Idee oder ein vorgegebenes Thema und fange dann einfach mit einem willkürlichen Satz an. Ändern kann ich immer noch. 
   Im besten Fall weiß ich, wie die Geschichte enden soll, worauf ich hinschreibe. Aber alles andere entsteht nach und nach und entwickelt sich mit der Geschichte und den Charakteren.


Sie arbeiten in einer Bibliothek, Domizil verschiedenster Literatur. Werden Sie von dieser Arbeit beim Schreiben beeinflusst, oder trennen Sie beides strikt? Kriecht an der Bibliothekstheke manchmal die Autorin aus Ihnen hervor, auch, wenn Sie es gar nicht wollen?

Die Autorin wird in der Bibliothek höchstens desillusioniert :D Mit Büchern zu arbeiten und mit Menschen, die sie lieben - etwas Schöneres kann ich mir nicht wünschen. 
   Aber als in der heutigen Zeit schreibender Mensch zwischen den ganzen Büchern zu sitzen und zu sehen, was teilweise veröffentlicht und konsumiert wird, ist manchmal ganz schön ernüchternd. Die Flut an Massenware und aus Amerika eingekauften Lizenzen nimmt immer mehr zu, wirklich empfehlenswerte Bücher stehen dagegen wie Beton in den Regalen und werden höchstens nach Empfehlung wahrgenommen. 
   Das macht mich oft traurig und raubt mir auch die Hoffnung, irgendwann selbst meinen eigenen Roman bei einem guten Verlag unterbringen zu können, sofern ich mich nicht den leicht konsumierbaren Einheitsgeschichten unterwerfe.




Ein dickes Danke, Miriam Schäfer, für Ihre Zeit & falls jemand »Claire« gerne gelesen hat, freut sie sich über jede Stimme beim DPP, welcher noch bis zum 18. Mai läuft!

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